Der Neue Markt - Kapitalvernichtung pur 1997 - 2003

Nie war in der Geschichte deutscher Wertpapiervermarktung mit einer größeren Euphorie ein Segment an der Börse eingerichtet worden als im Jahr 1997.

Die angeblich jungen Macher in der Wirtschaft sprühten vor Ideen und so schossen auch Firmen wie Pilze aus dem Boden. Jeden Tag neue Meldungen, welche neuen Gedanken in den neuen Technologie zu einer bahnbrechenden Performance gereift waren. Es war wie in einer Pionierzeit mit dem Glauben, die jungen wilden Unternehmertypen hätten ein neues Rad erfunden.
Die Medien beschäftigten sich damit und richteten TV-Sendungen ein, bei denen die Zuschauer entschieden, wer für welche Innovation welche Fördergelder der zahlreichen Risikokapitalgeber bekommt.
Die Deutsche Börse musste diesem Boom an Unternehmen Rechnung tragen, da die Unternehmen nur über die Börse zu 'frischem' und mehr Kapital kommen konnten. Der 'Neue Markt', ein Sammelbecken der zahlreicher Firmen war geboren.

Aktiengesellschaften strebten, ab 1997 an die deutsche Börse. Als das geschah, hatte eine Aktiengesellschaft noch das Ansehen eines Großunternehmens in der Bevölkerung.
Und so begann alles wie es kommen musste, da der Finanzmarkt danach lechzte, vorhandenes Kapital anzulegen.
Alle glaubten an eine riesige Rendite und keiner daran, dass jemals ein Flop am Ende der Sache stehen könnte.

Heute fragt man sich, wie konnte man nur so blind sein, und keiner weiß die Antwort, es war wohl die Begeisterung des 'Neuen Marktes' im wahrsten Sinne der Worte und, natürlich, die Gier nach Gewinnen.

Mit dem Ingenieurdienstleister 'Bertrand' wechselte am 10. März 1997 ein bereits an der Börse gelistetes Unternehmen vom 'Geregelten Markt' in den 'Neue Markt'. Dann kam der Börsenneuling 'Mobilcom' dazu, und jetzt ging alles Schlag auf Schlag, und am Jahresende 1997 waren schon 17 Firmen gelistet, wozu mit der Firma 'Qiagen' ein niederländisches Unternehmen gehörte.

Ende 1998 war der Firmenbestand 64 Aktiengesellschaften, man notierte einen Marktwert aller Unternehmen mit € 26 Miliarden(!). Millionen galten schon nichts mehr.

Um innerhalb der Unternehmensgrößen eine Qualifizierung zu zeigen, führte die Deutsche Börse am 1. Juli 1999 den sogenannten Blue-Chip-Index 'Nemax 50' ein; für die 50 größten Unternehmen des Neuen Marktes. Eintausend Index-Punkte waren derer Wert im Index Ende 1997. Es war eine 'Goldgräberzeit', wie man sie in der Neuzeit noch nie gekannt hatte. Selbst als die Kaptialmarkt-Zeitschriften vor der Überhitzung des Marktes warnten und die nur geringen Werte einzelner Firmen aufzeigten, hörte keiner der Investoren und Anleger, denn anscheinend war genug Geld da, und jetzt wollte man auch einmal zu den Gewinnern gehören und legte sogar im großen Rahmen Altersversorgungen in Aktien am Neuen Markt an.

Dann wird neben dem 'Nemax 50' der Begriff 'Nemax All Share' zusätzlich eingeführt. 'Nemax 50' waren die liquidesten Titel, unter dem 'Nemax All Share' waren alle anderen Hitech Börsenpapiere gelistet. Im Nachinein glaubt man zu erkennen, dass der Deutschen Börse selbst die Wertentwicklung und Bewertungen unheimlich wurden.
Unternehmen mit nur Millionenumsätzen, wie beispielsweise 'Intershop' wurde mit einem Marktwert in Milliarden € angezeigt.

Vor der Zeitenwende steigen 1999 die Anzahl der Neuemissionen von 131 Unternehmen auf insgesamt 201 Titel. Der Marktwert aller Unternehmen steigt auf € 111.276.000.00 = über 111 Milliarden €. Alle Welt schaut bewundernd auf den Neuen Markt und auf 229 Firmen mit einem Index von 9.655,81. Am Ende sind es über 300 Firmen, darunter die T-Mobile mit einer Markteinführung von allein 2,489 Milliarden €.

Der 'Neue Markt' hatte im März 2000 gerade seinen 3. Geburtstag gefeiert, als die Talfahrt langsam begann, und zwar in Raten bis zum Jahresende 2003. Immer mehr Firma legen ihre Zahlen vor, und die riesigen Unterschiede zu den Prognosen zeigen, auf was die Kurse und das Anlegervertrauen aufgebaut waren.

Im September 2000 meldet mit dem Telekomunternehmen Gigabell das erste Unternehmen Insolvenz an. Die 'Todeslisten' werden länger und länger, es kommt Betrug hinzu und Skandal auf Skandal und der Index stürzte im freien Fall ab. Am Ende heißt es, dass über 200 Milliarden Euro Kapital vernichtet wurde. Eine genaue Zahl wird man wohl nie finden, ist aber für Menschen nicht wichtig, die alles verloren haben.

Die Namen 'Nemax 50' und 'Nemax All Share' verschwinden aus der aktuellen Börsenwelt. Anscheinend hat die Deutsche Börse kein reines Gewissen...